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07.06.2017

Keno-Review: Get Out



Es hat doch noch geklappt! Endlich konnt ich Get Out im Kino nachholen.
Nachdem hier die Kinos seh stiefmütterlich mit dem ersten Film, den Comedian Jordan Peele inszenierte, umgingen, gab´s nun doch noch ein paar Gnaden-Aufführungen.

Ein Film, nach dessen Trailer die meisten auf einen Geister-Gruselfilm mit Südstaaten-Rassismus-Unterton schließen.

Was ist es aber letztlich? Schwer zu sagen!

Story: Afroamerikanischer junger Mann (gespielt von Daniel Kaluuya, der seit über zehn Jahren einen extrem guten Riecher bei der Rollenauswahl beweist und viele kultige Produktionen mitnimmt) datet weißes Mädchen und muss nun deren Familie kennenlernen. Auf dem abgeschiedenen Familiensitz passieren seltsame Dinge.

Genretechnisch ist die Nummer kaum zu fassen. Es ist irgendwie ein grundstruktureller Horrorfilm, der aber nicht weiter gruselig ist. Einige Elemente sind creepy-bizarre Rassen-Groteske, andere sind komödiantisch. Dazu kommt viel Meta-Ebene. Zuweilen kommen daher Parallelen zu Filmen wie

Being John Malkovich, Cabin in the Woods oder der Scream-Reihe auf, in denen damit gearbeitet wird, wie wir Zuschauer an das Medium Horrorfilm rangehen. Aber Get Out geht, was das anbelangt, nie All in und umgeht daher, als komplette Satire wahrgenommen zu werden.
Interessant ist es aber, dass es die Inszenierung des Films schafft, die Zuschauer immer auf einer Ebene mit den Heldenfiguren zu halten. Klingt banal, ist aber ein schwer zu meisterndes Kunststück. Während grad in Horrorfilmen die Charaktere meist so handeln, als hätten sie noch nie einen Horrorfilm gesehen, sind sich hier die Betroffenen der Regeln des Genres bewusst und handeln entsprechend. Das nimmt an einigen Stellen die gewohnte Spannung, ist aber dafür erfrischend unkonventionell und auf seine eigene Art sehr unterhaltsam.
Ein schönes Beispiel: Recht früh im Film berichtet der Protagonist seinem Kumpel per Telefon, was er alles in der Weißen-Residenz erlebt hat. Daraufhin entwickelt der (ebenfalls schwarze) Freund eine Theorie, was vor sich geht –genauso wie ein Kinobesucher nebenbei seine Theorien spinnt. Auf die Erwiderung, wie dämlich-unausgegoren diese Theorie klingt, heißt es nur, man habe halt mit dem gearbeitet, was man bisher an Informationen gab. Und da kommt nun mal so was bei raus. Genauso funktioniert das Mitraten bei mysteriösen Plots und der Film drückt uns erschreckend genau aufs Auge, was wir Zuschauer uns bisher an Antworten zusammen gereimt haben.
Aber keine Angst: Die frühe Schlussfolgerung wird noch um einige Twists erweitert.

Dennoch sei betont, dass es in dem Film nicht ums klassische Monster-of-the-Week-Szenario geht, sondern darum, der Geschichte den eigentlichen Subtext zu entlocken. Dem verhälnismäßig smarten, aber ansonsten nicht allzu außergewöhnlichen Oberflächen-Plot zu folgen, sollte nicht schwer sein. Aber um die versteckten Ebenen zu ergründen, sollte man sich bestenfalls mit anderen Zuschauern kurzschließen und eine kleine Diskussionsrunde anheften. Somit isses also kein 100-Minuten-Filmerlebnis, sondern eher eins mit 130+ Minuten.
Wir waren jedenfalls zu dritt zur Vorführung und haben alle drei sehr vom Nachgespräch profitiert, da jeder eigene Ansichten mit in den Top werfen konnte und sich daraus ein immer klareres Bild ergab, das uns Herr Peele vermitteln wollte. Ich liebe es, wenn Popkultur es schafft, das mit uns zu machen.
Unsere Ergebnisse möchte ich hier nicht präsentieren, weil das zu suggestiv wäre. Aber Fragen die im Raum standen, waren z.B., was denn genau der Rassismus im Film ist. Wie er sich zeigt, ob er objektiv betrachtet überhaupt vorhanden ist und von welcher Seite er ins Spiel gebracht wird. Wie viel gibt uns der Film tatsächlich vor und wie viel dichten wir in die Lücken hinein, einfach nur weil wir narrative Gewohnheitskonsumenten mit ´nem Hang zur Paranoia sind, die in die Meta-Falle tapsen.

Da steckt viel an Hausaufgabenmaterial drin, wenn man sich drauf einlässt – und man muss sich drauf einlassen. Gelegenheitsgucker treffen ansonsten auf einen gut gemachten, aber weniger spektakulären vermeintlichen Gruselfilm – soziologisch aufgeschlossene Cineasten stoßen auf ein ganz feines allegorisches Schmankerl.

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